AT-OeStA/HHStA SB Ransonnet-Villez 1-1 Brief von Erzherzog Johann an Minister Franz Anton Graf Kolowrat, 1834.08.02 (Einzelstück (Aktenstück, Bild, Karte, Urkunde))

Archivplan-Kontext


Angaben zur Identifikation

Signatur:AT-OeStA/HHStA SB Ransonnet-Villez 1-1
Titel:Brief von Erzherzog Johann an Minister Franz Anton Graf Kolowrat
Entstehungszeitraum:02.08.1834
Stufe:Einzelstück (Aktenstück, Bild, Karte, Urkunde)

Angaben zu Inhalt und Struktur

Inhalt:Erzherzog Johann berichtet in seinem Schreiben an Kolowrat über seine Eindrücke und Erlebnisse während einer Reise durch die österreichischen Landesteile in Oberitalien, Südtirol und Tirol. Es war dies die erste Gelegenheit nach 25 Jahren eine Reise in diese Gebiete zu unternehmen. Hochinteressantes Schreiben mit zahlreichen wichtigen Informationen über die besuchten Landesteile, vor allem auch in Hinblick auf militärische Fragen.

Text:
Zurückgekehrt von meiner Dienstreise erfülle ich mein Versprechen und schreibe ihnen bester Graf; beynahe 6 Wochen war ich auf dem Weege, und muß nur bereuen die Monathe Juni, Juli gewählet zu haben, obgleich dieselben im Hochgebirge die besseren sind; denn in diesem Sommer war die Hitze ausserordentlich – sie begleitete mich durchgehends und erst hier in Gastein kann ich frey Athem schöpfen und die Nächte schlafen, als Beyspiel möge dieß dienen, daß in Verona die Temperatur in den Gräben in der Sonne nahe an 40° und im Schatten 32° war. Ich begann damit die Flüsse des Prediels und der Ponteba zu besichtigen; ich habe daselbst Offiziere welche Aufnehmen, die dort anzulegenden Befestigung[en] waren ausgestecket, und es konnten die Entwürfe nach dem Terrain berichtiget werden – diese werden vom Jahre 1835 an in 3 Jahresfristen in Antrag gebracht werden; sie sollen nicht allein die zwey wichtigeren Strassen sperren, sondern auch die dermaligen nichts sperrenden Plätze Osopo und Palmanova entbehrlich machen – ersterer dürfte dann sich zu einem Staats Gefängnis dem Civilo übergeben – letzterer zu einem Friedens Artilleriedepot eignen, und von Seite des Fortificatorium keiner Unterhaltungsausgabe mehr unterliegen. Von der Ponteba aus befuhr ich die herrliche neue [Straße] ihrer Vollendung in diesem Jahre entgegengehend bis Ospidaletto, nur wenn man sie genau untersuchet, so ergiebt sich wie viel an Absperrungen, Anschüttungen Mauerwerk, Durchflüsse, Brücken, welche letztere sehr schön ausgeführet sind, gemacht wurde und wie zweckmässig und schön. Da mir von Seite des Hofkriegsrathes die Frage rücksichtlich einer neu zu eröffnenden Strasse von der vorher angeführten über Ponte Amaro, Tolmezzo, dem Canal S Pietro Paluzza, Timau, die Plecker Alpe, Mauten, den Gailberg, in die Poststrasse bey Ober Drauburg mitgetheilet wurde und ob und wie man diese sperren könne, so ließ ich dieselbe (: da ich im Jahre 1804 diese Gegenden alle besehen :) in Folge früherer Erinnerungen durch einen Offizier begehen und den angegebenen Punkt besehen – der Bericht bestätiget meine Ansichten und es ergiebt sich die Möglichkeit dieselbe auf der Höhe der Plecker Alpe zu befestigen –. Die Anlage dieser Strasse ist ein Wunsch der Triestiner, um auf dem kürzesten Weeg vorzüglich die Baumwolle nach der Schweitz zu bringen und wenn die Fonds zu ihrer Errichtung vorhanden sind, so finde ich gar nichts dagegen zu erinnern, da wir dieselbe sichern können. Durch die Ebene Italiens eilte ich bis Verona; die anhaltende Dürre hatte rücksichtlich des Futters eine schlechte Erndte gegeben, so daß Radezky sich bewogen fand, die Concentrirung der Cavallerie auf der Ebene von Aviano aufzugeben. In Verona fand ich die Arbeiten weit vorgeschritten, so daß in diesem Jahre schon Radezky da seine Manouvres macht und daß ich im Jahre 1835 mit dem begonnenen fertig zu werden hoffe – es wird der Abschluß im Monathe October zeigen, was noch zu machen bleibet, und ich trug Generalleutnant Scholl jene weiteren Gegenstände auf, welche derselbe, ohne die Praeliminirte Summe von 500.000 Gulden zu überschreiten, noch für 1835 in Arbeit nehmen soll, worüber er mir auch die detaillierten Anschläge unterlegen wird – ohngeachtet der drückenden brennenden Hitze arbeiten die Soldaten fleissig, und der Krankenstand war unbedeutend – es kömmt daher, weil sie gut leben und abgehärtet sind. Wenn nun Verona bald zu Ende gebracht seyn wird, so kömmt dann die Befestigung des Mincio in
Antrag, worüber die Entwürfe gemacht sind – an den Überschlägen wird gearbeitet, und ich werde seiner Zeit das ganze vorlegen. Als ich in Verona mit meiner Geschichte zu Ende gekommen, besah ich die Bauten in Peschiera und gieng nach Desenzano am Garda See; bekannt mit der Strasse durch die Ebene, schlug ich vor, dort jene durch das Gebürge um die Thäler Sabbia und Trompia zu sehen – und das zur Auflassung bestimmte Rocca d’Anfo noch bevor es seinem Schicksale überlassen wird, zu besuchen, schade um den Aufwand, der durch die französische Regierung auf ihrer Feste gemacht wurde und nunmehr nichts mehr nützet. Mich zog noch eine andere Ursache durch jene Thäler nemlich die Eisenproduction – mehr Zeit hätte es erfordert, als ich dazu verwenden konnte, um Bergbau, Roheisen, Stahl und Weich Eisen Erzeugung zu besehen – ich hätte müssen die ganze Val Sabbia, Val Trompia, Canonica, Biembana und Serana und manchen abgelegenen Winkel als z[um] B[eispiel] die Val di Scalae besehen – ich beschränkte mich auf das, was mir auf dem Weege lag und fand Hochöfnerey noch weit zurück. Gemeinschaftlich werden die Eisengruben, wie man es höchstens noch an einem Orte in Krain findet, gewählt, ebenso die Hochöfen, ja von einigen Orten Stücköfen betrieben – bey allem dem hat doch die Noth an Brennstoff Wirthschaft erzwungen – und wenn gar nichts anderes die Aufmerksamkeit verdiente, so ist es die Verkohlung – von Wäldern entblösset, wird jedes Gestrüpp benützet – dieses durch die Landleute verkohlet, treffliches Kohl erzeuget, von der Dicke, man sollte es kaum glauben, eines Federkieles bis nach 1 und 2 Zolle. Dieser Gegenstand ist meines Erachtens von der größten Wichtigkeit, denn wenn alles das Holz, welches in Innerösterreich zu Gereut, Brände, verbrannt wird, so verkohlet würde, so könnte nebst der Schonung der Waldungen, um 1/3 mehr Brennstoff erzeuget werden. Aus diesen Thälern kam ich durch Gardona, wo die Gewehrfabricken sich befinden; diese verdienen, so wie die Klingenfabricken in Lumezzana, berücksichtiget zu werden – ich lege Ihnen hier die Bitte ersterer bey, und wahrlich, das Aerar könnte diesen Leuten, welche die ganze Gegend beleben, wohl zugestehen, daß ihnen der Vorzug bey Erstehung des alten Eisens von den kaiserlichen Zeughäusern gegeben würde – indem das Roheisen von Dongo nicht gut genug ist und ihnen den Nachtheil eines grossen Ausschußes beybringet. Die schöne Lage von Bergamo bewunderte ich – bedauerte aber, daß die so gut befestigte obere Stadt nicht auf irgendeinem militärischen Punkte liegt. Zu Monza blieb ich bey meinem Bruder 3 Tage – er führte mich auf einige Stunden nach Mayland – wo ich alle Verschönerungen dieser Stadt besehen konnte; ich will da nichts wiederhohlen, was sie ohnedieß noch im frischen Gedächtniß haben. Ich sah Hartig, der auch nach einstiger Erlösung seufzet – ich kann mir seine Lage und jene eines jeden Deutschen in dem schönen, aber für mich nicht reitzenden Italien, vorstellen; wem ich sprach, versicherte mich einer besseren Stimmung, dieses zu beurtheilen, bedarf es längerer Zeit; gewiß ist es, daß alle Aufmerksamkeit auf die Entschlüße gerichtet war, welche der König von Neapel, rücksichtlich der beabsichteten von Frankreich und Engelland unterstüzten Einrichtungen, fassen würde – ? Radezki sah ich da ebenfalls – es hieß, General Heß würde eine andere Bestimmung erhalten – es ist zu bedauern, daß diese zwey getrennet werden; ich kenne kein Armeecomando, welches weniger zugänglich an intriguen ist als dieses, wo eine bessere Eintracht herrschet – und soll Heß eine andere Bestimmung erhalten, so dürfte sich kein anderer Ersatz geben als durch den Oberst Martini von weiland Esterhazi nun [folgt Leerstelle] Infanterie.
Ein fruchtbares Jahr ist dieses für die Lombardie – wenn auch die Seide aus Mangel an Blättern geringer in der Menge ausfiel, so wurde dieses durch den höheren Preis ersetzet – alle Getreidfrüchte im Uiberfluß und eine reichliche Weinerndte in Erwartung –. Von Monza wanderte ich nördlich dem Gebürge zu – die Gegend von Lecco nahm zuerst meine Zeit in Anspruch; ich besah alles genau, vergoß reichliche Schweißtropfen bey Besteygung des Monte Baro, besah die Chiusa, den Sasso di S. Stefano, di Malgrate, beobachthete die ganze Gegend von Brivio bis Lecco und von Lecco bis Erba und die Seen von Busiano und Oggione – an Ort und Stelle alle die Entwürfe – und dankte Gott, daß davon nicht mehr die Rede ist – über diesen Gegenstand der (: wir wollen für die Ehre der in unserer Wissenschaft in der kaiserlichen Armee zu vermuthenden Kenntniße hoffen :) nicht mehr zur Sprache kommen sollte, arbeite ich einen Aufsatz für den Hofkriegsrath aus – welcher Lecco, Bregenz, das Veltlin und alle die Punkte und Entwürfe deutlich darstellen wird – es ist ein entsetzlicher Gedanke dieses Lecco und noch entsetzlicher die Gründe warum –. Von Lecco fuhr ich über Asso nach Bellagio – besah den schönen See – sezte nach Varena über und auf der herrlichen Kunst-Strasse längs dem See bis Colico. Diese Strecke nun von Colico bis Riva di Chiavenna wird im Laufe des nächsten Winter und dadurch die ganze Strasse fertig. Nachdem die Sperre gegen die Schweitz nicht verhänget worden, hatte ich mich mit einem Passe versehen. Von Colico aus sandte ich Wagen und Bedienten nach Morbegno, und nachdem ich in Chiavenna mit Salis (: Saglio :) gesprochen, tradt ich meinen Weeg in die Schweitz an – zuerst also über die schöne Strasse des Splügens, welche an einigen Orten Verbesserungen bedurft, theils um zu grosse Steigung zu vermeiden, theils um einige zu schmahle Wendungen zu erweitern – endlich die Beendigung der in Bau begriffenen Cantonieren. – Ich kam glücklich in Splügen an und wurde blos an der Gränze von unserer Wache um den Paß befragt, welchen ich vidiren ließ – auf Schweitzer Seite aber von niemand; in Splügen erhielt ich eine offene Kutsche und nun ging es über Rheinwald – den Bernhardin, Misocco nach Bellinzona – die Bernhardin Strasse ist sehr gut angeleget, hatte aber bey weiten keine solche Schwierigkeiten zu überwinden als jene des Splügens – von Bellinzona aus wandte ich mich nach Faido, und Airolo – sezte über den Gotthard – diese Strasse ist von dem Lago Maggiore bis Stang im Canton Uri in trefflichem Stande – von Airolo bis Hospital – und von dem Urner Loche durch die Schöllenen sehr gut angeleget und eben solche Kunststrasse wie über den Splügen, dermalen werden an die Cantonieren und an [das] Hospitz auf der Höhe gebauet. Von Stang bestehet noch die alte Fahrstrasse durch das Thal über Altorf nach Flüelen am See, von wo die Verbindung zu Wasser – nach Unterwalden, Schwitz und Luzern bestehet – es ist der Antrag längst dem Ufer eine Strasse zu eröffnen, allein die Schwierigkeiten sind zu groß und die Verbindung zu Wasser so leicht, daß ich an diese Ausführung nicht glaube. Ich befuhr den See, besah das merkwürdige desselben, landete in Brunnen, war in Schwitz, benüzte einen schönen Abend, um den Rigi zu besteigen, sah daselbst den Sonnenaufgang und die herrliche Aussicht – den Bergfall von Goldau – sezte meinen Weeg über den Sattel, Einsiedlen, den Etzel, Lechen, Weser, Wallenstadt, Sargans, Chur – befuhr die Strasse von Chur über Reichenau, Tusis, die Via Mala, die Rongellen und kehrte über den Splügen nach Chiavenna und Morbegno – diesen Weeg von Bellagio durch die Schweitz bis Morbegno machte ich [in] nicht ganz 8 Tagen, begünstiget durch gute Witterung, ohne Hinderniß, ohne befragt zu werden, ohne gekannt zu seyn; mit einzelnen ausgenommenen verschiedenartigen Fuhrwerken, geführt durch gutmüthige Dienstfertige, oft gut
unterrichtete Fuhrleute –. Ich fand in den Theilen, die ich betrat, eine grosse Ruhe, die kleinen Kantone zwar democratisch, aber doch geleitet durch einzelne Familien, in welchen ein tieferer aristocratischer Sinn lieget als in vielen anderen, hängen an das Alte und nicht mit Unrecht – denn sie waren dabey glicklich – darinnen werden sie durch die vielen Einfluß habenden Geistlichen (: alle katholisch :) besterkt – Bündten unser Nachbar ist gut, und der klare gesunde Sinn des Landtvolkes führet sie jene wieder zu suchen, welche früher herrschten, geehrt und geachtet – und deren Namen durch Jahrhunderte ihnen bekannt, ihnen daher werth sind –. Selbst in den grösseren [Kantonen] fängt die grössere Zahl sich zu erinnern an, und das Ansehen der Demagogen sinkt – und wird fallen, wenn nichts geschieht, was einen Anlaß zu Unfriedenheit geben kann; ich irrte mich gar nicht, als ich vor meiner Abreise sie bath, alles anzuwenden, daß nicht gesperrt werde – ungeachtet das Mißvergnügen welches in der Lombardie entstanden wäre und den Schaden in manchen finanziellen Erträgen – so waren die Augen aller in der Schweitz auf diese Maaßregel gerichtet; die Demagogen hofften darauf, die Gutgesinnten fürchteten sie – ich habe mich durch alles, was ich darüber reden hörte, überzeuget, daß eine solche Maaßregel alles erbittert und dadurch die grössere Zahl wenigstens für einige zur Parthey der Revolutionairen hätte übertretten machen. Als ich die Schweiz durchwanderte, war das grosse Schießen in Zürich vor der Thüre, ich begegnete viele, die hin wanderten; es war eine Nationalsache – wenn man sich unter diesem Schießen ein grosses Chreuzschießen wie in Tyrol, wo 6[00] bis 800 Schützen als etwas ausserordentliches vorstellet, so irrt man sich sehr – ich habe die Einladung mitgebracht – die Vorbereitungen, welche Zürich gemacht, waren sehr groß – und die Aussage glaubwürdiger Männer gab die Anzahl der Schützen auf die man rechnete nahe an 10.000 – nicht Schießen ist es allein, sondern Vereinigung der Vorzüglicheren aus allen Kantone – zur Rüksprache, da werden Bekanntschaften gemacht, erneuert und es knüpfet sich ein inniger Verein zwischen den Gliedern dieser Schaar – auf dieses Schießen rechneten die Demagogen, um Unruhe zu stiften – wäre die Sperre eingetretten, so wäre es schon gelungen, so aber scheiterten ihre Versuche, an welchen es nicht fehlte, und der besonnenere Theil behielt die Oberhand – viel gewonnen, umso mehr als im Jahre 1835 das Schießen in Bern zu geschehen hat, wo keine so gemäßigte Regierung als wie in Zürich ist. Ich gestehe es, hätte ich dürfen, dieses hätte ich genau mit angesehen, denn das ist der Augenblik, um viel zu erforschen – ich will hoffen, unsere Gesandtschaft am Bundestage wird es gethan haben – !!! Obgleich ich glaube, daß in der Schweitz ein offener gerader Mann mehr mit jeder Parthey ausrichten dürfte als irgend ein Diplomat – . Zu beachten ist, daß dermalen in der Schweitz alles schießt – überall Schießstände, sogar im welschen Theile – und sie schießen gut – sehr weit und mit freyer Hand mit einem Caliber, der alle Knochen zerschmettert, darüber mündlich die Details. Da dieses von Jahr zu Jahr zunimmt, so dürfte die Zahl von 100.000 nicht übertrieben seyn. Da diese Leute kräftig, ihre Berge gewöhnt und sehr muthig sind, so dachte ich, es wäre klug, sie zu Freunden zu haben und alles anzuwenden, um das ewige Bearbeiten von Seite Franckreichs unschädlich zu machen. Eine Sache, die noch für uns beachtenswerth ist – ist, daß man alles anwendet, um sie in den deutschen Handelsverein zu ziehen – geschiehet es – da die Strassen nun eröffnet sind und Simplon, Gotthart, Bernhardin hinreichende Verbindungen geben, ohne die oestl. Strecken zu berühren – so dürften wir bald die Folgen davon fühlen. Möge doch etwas von unserer Seite geschehen, um die Klagen, die sich in vielen Provinzen
über versäumte Zeit und Gelegenheit über die empfindlichen Folgen des Deutschen Handelsvereines und Oesterreichs Ausschließung erheben, welche ich in Tyrol, im Salzburgischen, in Inneroesterreich hörte, zu beschwichtigen; für erstere wäre, wenn nichts geschiehet, ein zunehmender dermaliger Zustand der Todesstreich. Zurückgekehrt ins Veltlin folgte ich der herrlichen Strasse, ließ mich durch den äusserst geschickten Donegani begleiten; dem Hofkriegsrathe werde ich berichten, wie die Strasse des Splügens sowohl als jene des Stelvio zu sperren sind – die Punkte sind gefunden, wo es mit geringen Kosten geschehen kann – es sind für erstere bey Riva – für letztere bey den Bädern von Bormio – zu deren Erbauung dürfte der früher bestimmte Fond, ohne Zurückwürkung auf das Vergangene nemlich die jehrlichen 6.000 Gulden aus dem Italienischen Strassenfond durch einige Jahre hinreichen; bey dießem Anlaße kann auch der Gegenstand der Austrocknung der Sümpfe bey Fuentes und Colico, welche so eine schlechte Luft verbreiten, zur Sprache gebracht werden – da ich auch diese Gegend besehen mußte, so überzeugte ich mich von der Möglichkeit; ich werde darüber in meinem Berichte meine Ansichten entwickeln, welche mit mehreren der dortigen Verständigen übereinstimmen – und wodurch Gesundheit der Bewohner gesichert, eine grosse Strecke urbares Land gewonnen würde. Die Strasse über das Stilfser Joch ist das kühnste, obgleich nach meiner Überzeugung, unnützeste Werk. Die Details des Baues verdienen darum die größte Aufmerksamkeit, weil da die größten Schwierigkeiten zu über winden waren, – ich habe in seinen Werken Donegani kennen gelernet und manches auch bey der Bestimmung der Befestigungs Punkte der Bäder von Worms und Nauders verhandelt, dieser Mann ist höchst practisch – keine Schwierigkeit zu groß, kein Hindernis, daß er nicht zu überwinden verstehet – auf eine kluge und wirthschaftliche Art – seine Entwürfe klar, seine Ausweise deutlich – ich wünschte mir keinen anderen – und dieser sitzet in Sondrio – würde er denn nicht irgendetwas verdienen, für das, was er geleistet? Begünstiget durch die schönste Witterung übernachtete ich oben auf der höchsten Cantoniera, übersetzte das Joch und langte in Nauders an, über die Befestigung dieser Strasse sind wir einig so wie über die Art. Generalleutnant Scholl macht nun den Entwurf, welcher klein ausfallen wird – Vorbereitungen, Planierungen können in diesem Jahre schon geschehen und das nächste Jahr das wichtigste davon nahe der Vollendung bringen. Von Nauders besuchte ich das Vinschgau, Meran, Botzen und kam nach Brixen – da über diese Gegend jeder gesprochen, jeder hinein gepfuschet – so veranlaßte dieses, daß ich einige Steige untersuchte und das Resultat davon war, mich zwey Tage um nichts ermüdet zu haben – beruhiget – untersuchte ich was geschehen –. Wenn im Jahre 1833 nichts als Vorbereitungen geschehen und dieß zu manchen Redereyen Anlaß gab – so müßte ich es freylich dulden, aber es konnte nicht anders seyn – in einer Gegend, wo kein Baustein, kein Hund, kein Materiale, keine Weege zur Zufuhr und dann erst keine Mitteln dazu vorhanden waren, mußte alles erst geschaffen werden –, es mußte das Holz in der geeigneten Jahreszeit geschlagen, die Weege gemacht, die Fuhrwerke und Fuhrleute gesuchet – und dann erst zugesichert werden und was vom Holze gesaget wird, gilt von allem – es mußten Wohngebäude (: Barraquen :) für die 3.000 Männer errichtet werden und dann erst konnten diese kommen und Hand anlegen; Gott lob, es würde alles vollbracht und die Auslage ist nicht
verlohren, da alles in der Folge verwendet, vieles ersparen wird – ein glücklicher Fund war bey Farn in der Nähe unserer Arbeiten eine Thon Mulde von solcher Mächtigkeit, daß sie den Bedarf an Ziegeln nicht allein für das Fort bey Aicha , sondern auch für den Depot Platz decken wird – seit Juni die Abräumung begonnen, ist sie vollendet, die Ziegelerde abgeblösset – die Hütten beendet, 3 Feldöfen im Brande und bereits Ziegeln zum Bau von besonderer Güte geführet – in diesem Jahre dürften 1 ½ Million geschlagen und gebrannt werden; was den Bau selbst betrifft, so will ich die Resultate nicht laut werden lassen – es wächßt aus der Erde zusehends ein Werck aus Granit, fest, dauerhaft – in diesem Jahre werden einige Theile fertig, und wenn wir im Jahre 1835 Leute genug haben, so dürfte (: die Witterung muß günstig seyn :) das Fort bey Aicha die Sperrung der Strasse nach dem Brenner wenig von ihrer Vollendung mangeln – . Es ist mir sehr lieb, daß der Kaiser in diesem Jahre nicht gekommen, kömmt er im nächsten Sommer, dann richte er selbst, was in 2 Baujahren geschehen und ob es was tauge. Seinen Lieblingsentwurf zu befriedigen, ist das Project des Depot Platzes fertig – auf Ort und Stelle ausgestecket und auf dem Boden tracirt – er kann alles an Ort und Stelle dann sehen; es wird nur der Überschlag summarisch verfasset, um denselben Ihm vorzulegen, bildlich wird er alles als Modell diesen Winter sehen. Das einzige Schwierige bey der Sache sind die Grund Einlösungen, diese dürften sehr hoch kommen, denn die lieben Besitzer verstehen zu begehren. An Ort und Stelle wird es mehrere Fragen geben, welche er allein beantworten und darüber den Willen aussprechen kann; vorbereitet wird alles in der Art seyn, daß keine weiteren Untersuchungen mehr nothwendig werden. In Tyrol hörte ich viel über die zu errichtende Landmiliz sprechen – die allgemeine Meinung spricht sich für das, was ich steets sagte – keine Miliz – sondern Schützen – der Furcht vor dieser Miliz ist es zu verdanken, daß die Schießstände zunehmen, denn alles will zu den Schützen, keiner zu einer Miliz – dieß mögen die Stände auch gefühlet, darum solange gezögert haben – das Jahr 1805 bewieß, daß eine Miliz nichts tauge, daß Jahr 1809 was Schützen vermögen; die Idee die Hälfte der Offiziere zu ernennen, wozu dann gewöhnlich Regiments oder halb inval. Offiziere gewonnen werden, ist eine unglückliche ideé; einmal werden diese Männer in ein Verhältniß gesetzet, wo sie nichts leisten können, wo sie im Momente der Gefahr sitzen gelassen werden, denn wenn der Offizier dieser Leute nicht mit ihnen lebt, uniformirt, schreyt und säuft, so gilt er nichts und kann man dieß von einem der gedienet verlangen? Dann ist der Gedanke laut im Volke, man wolle ihnen nicht alle Wahl lasse, weil man ihnen nicht traue und Leute ihnen vorsetzen wolle, welche sie überwachen und weiß Gott wohin führen sollen – ! Das Ganze ist so einfach und läßt sich so wohlfeil dem Volke angenehm, für den Krieg so brauchbar machen, allein man schöpfe nicht das, was kein Stich hielt, aus den Archiven des Guberniums und der Hofkanzley, sondern aus der Geschichte des Jahres 1809 – niemand traut sich von den Angestellten zu reden und das Volk, ohnedieß müde und abgespannt, thut nichts. Schützen in Zuzüge getheilt, eigens gewählte Hauptleute und Commandanten, Übung auf Schießständen, hinreichend stützen – genug für den Frieden und für den Krieg noch eine mäßige Lösung, Pulver, Bley nach Bedarf, beruhigende Aussicht und gute Obsorge für die Verwundeten, für die Weiber und Kinder der gebliebenen, wenn sie es bedürfen, für das verbrannte Eigenthum – nun erschrecke nicht über dieß letztere, es beläuft sich nicht so hoch –
aber im Frieden müssen Anstalten dafür nach Art der Feuer- und Lebensapannagen gemacht werden, welche für den Augenblick der Gefahr fürdenken – und wodurch jeder lieber seine Büchse nimmt, als für alle die Vorschriften und Regulamente, welche bey dem ersten Schuße vergessen, alle ihre Kraft verliehren – ich fand in Tyrol, nemlich im südlichen, zwar die Klage über wenig Heu, doch eine gesegnete Erndte – und Dank für das ertheilte Gnadensalz –. Meinen Rückweg nahm ich über Ober Kährnthen, den Radstädter Tauern hieher nach Gastein, wo ich nun ausruhe, bade und alles zu Papier bringe. Wo Sie dieser Brief antreffen wird, weiß ich nicht – doch wo immer wünsche ich im besten Wohlseyn. Möge Sie mein langes Geschwätz nicht ermüden – nehmen Sie es als einen Beweis meines guten Willens an mit der Versicherung meiner unveränderlichen Gesinnungen, mit welchen ich bin
Ihr aufrichtigster Johann
Gastein, am 2. August 1834
Ort:Bad Gastein
Archivalienart:Brief
Sprache:Deutsch
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Angaben zum Umfang

Umfang:10 Seiten

Angaben zur Benutzung

Reproduktion vorhanden:Digitale Aufnahme

Angaben zu verwandtem Material

Veröffentlichungen:Thomas Just, Die Strasse über das Stilfser Joch ist das kühnste, obgleich nach meiner Überzeugung unnützeste Werk. Ein Brief Erzherzog Johanns an den Grafen Kolowrat aus dem Jahr 1834, in: Julia Hörmann-Thurn und Taxis und Gertraud Zeindl (Hg.), Überlieferung und Geschichte. Festschrift für Christoph Haidacher zum 65. Geburtstag (Schlern-Schriften 380, Innsbruck 2026), S. 171-183.
 

Deskriptoren

Einträge: Bad Gastein (Ort\Österreich\Politische Struktur (aktuell)\Salzburg\St. Johann)
 

Behältnisse

Anzahl:1
 

Verwandte Verzeichnungseinheiten

Verwandte Verzeichnungseinheiten:keine
 

Benutzung

Schutzfristende:31.12.1864
Erforderliche Bewilligung:Keine
Physische Benützbarkeit:Uneingeschränkt
Zugänglichkeit:Öffentlich
 

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